forum kriminalprävention - 01/2026 April
Editorial
Liebe Leser:innen,
Prävention beinhaltet den grundsätzlichen Optimismus, dass sich die Welt zum Guten verändern lässt: „Heute für ein besseres Morgen“. Diese Zuversicht stößt bei manchen Themen an besondere Grenzen, wie ich bei der Vorbereitung dieser Ausgabe gespürt habe. In den Wochen der Recherche, der Redaktion eingereichter Manuskripte und Diskussionen mit Beteiligten, wurde immer deutlicher, wie schwer die Themen Vorurteile und Hasskriminalität aktuell wiegen.
Bei der Recherche stieß ich u.a. auf die Rede der Holocaustüberlebenden Tova Friedman. Während der Holocaust- Gedenkstunde im Bundestag (Januar 2026) berichtet sie von ihrem Leben und Überleben im Konzentrationslager Auschwitz und warnt vor wieder aufflammendem Antisemitismus. Ein Satz dieser Rede begleitete mich durch die gesamte Zeit der Redaktion: „Neutralität im Angesicht des Hasses ist keine Neutralität. Sie bedeutet Zustimmung.“ Angriffe auf Menschen, allein aufgrund ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder anderen (vermeintlichen) Merkmalen gehören in Deutschland leider zum Alltag. Im Zuge strafrechtlicher Verfolgung werden sie häufig als „Hasskriminalität“ bezeichnet. Immer wieder machen Ereignisse sichtbar, wie real diese Gefahr ist: der antisemitische und rassistische Anschlag in Halle (Saale) 2019, der rassistische Anschlag in Hanau 2020 oder Angriffe im Rahmen der Christopher Street Day-Paraden, insbesondere im Jahr 2025. Sie stehen stellvertretend für viele weitere Taten. Vorurteile, Hass und Hetze sind zwar keine neuen Phänomene, doch zeigen empirische Daten deutlich, dass das Ausmaß an Hasskriminalität derzeit besonders hoch ist. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass mühsam entwickelte Schutzmechanismen wieder abgebaut werden. Öffentliche Einrichtungen ziehen sich zunehmend aus sozialen Medien wie „X“ zurück, da Löschungen menschenfeindlicher Kommentare deutlich erschwert wurden und Algorithmen rechtspopulistische Inhalte verstärken. Auch in der Politik wird über Änderungen diskutiert, etwa die Abschaffung des §188 StGB, der die Beleidigung von Personen des politischen Lebens gesondert unter Strafe stellt. Die Folgen von Hasskriminalität sind gravierend. Sie betreffen nicht nur direkt Geschädigte, sondern richten sich zugleich auch immer gegen die soziale Gruppe, der Betroffene zugerechnet werden. Ziel von Hass und vorurteilsbasierten Angriffen ist es, Menschen einzuschüchtern und auszugrenzen. Wird Zugehörigkeit infragegestellt, ist ein anerkennendes Zusammenleben bedroht. Als demokratisch-freiheitliche Gesellschaft ist es daher unsere Aufgabe, uns entschieden gegen Hasskriminalität zu stellen. Dies geschieht bereits, und zwar täglich und mit großem Einsatz. Seit vielen Jahren liefert die Forschung wichtige Erkenntnisse über Ursachen und Ausmaß von Hasskriminalität. Die meisten Politiker:innen stärken demokratische Rahmenbedingungen, Behörden verfolgen Straftaten, zahlreiche Fachstellen unterstützen Betroffene sowie deren Umfeld und arbeiten auch mit Täter:innen an Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Einen Einblick in diese wertvolle Arbeit bietet diese Ausgabe der forum kriminalprävention.
Die Langfassung des Editorials können Sie
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